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Ein Dirigent muss motivieren - Gedanken zu den Wertungsspielen
Bedeutung der Wertungsspiele - Robert Klein, ehem. Bundesdirigent des BSM

Bedeutung der Wertungsspiele - Robert Klein, ehem. Bundesdirigent des BSM


 

Robert Klein, ehemaliger Bundesdirigent und Präsident des BSM, veröffentlichte im Jahre 1962 folgenden Aufsatz über die Bedeutung unserer Wertungsspiele

Unsere Wertungsspiele sind von jeher, seit sie durchgeführt werden, eine sehr umstrittene Angelegenheit. Von vielen Dirigenten und Musikern begrüßt und als wertvoll anerkannt, werden sie aber auch von manchen Dirigenten und Musikern wenn zwar nicht abgelehnt, so doch mit Zweifel und Skepsis hingenommen. Es ist deshalb notwendig, einmal ein grundsätzliches Wort zu den Wertungsspielen zu sagen.


Ich habe bei meinen Ausführungen anlässlich der Wertungsspiele immer wieder betont, dass dies keine Wettspiele sein sollen. Sie sollen dazu dienen, anhand einer ausführlichen fachmännischen Kritik unseren Kapellen den Weg zu weisen, wie sie ihre musikalischen Leistungen verbessern und das Geamtniveau heben können.


 Wer, so wie ich, all unsere Wertungsspiele in den vergangenen Jahren miterlebt hat, der musste selbst bei größtem Pessimismus zu der klaren Feststellung kommen, dass wir auf dem Weg ein gutes Stück vorwärts gekommen sind. Ein beachtlicher Aufstieg ist bei allden Kapellen zu verzeichnen, die regelmäßig die Wertungsspielbesucht und die Kritiken unvoreingenommen akzeptiert haben.
Wenn mit den Wertungsspielen die musikalischen Leistungen verbessert werden sollen, so soll damit keineswegs gesagt sein, dass eine Kapelle unbedingt nach und nach eine höhere Bewertungsstufe erreichen soll. Es gibt z.B. Kapellen in der Unterstufe, die aufgrund ihrer Besetzung kaum über das Niveau der Unterstufe hinaus kommen können. Das ist aber auch gar nicht erforderlich. Wichtig ist aber, daß sie lernen, auch mit der leichten, für sie spielbaren Musik, sauber und wertvoll zu musizieren. So habe ich erlebt, daß Kapellen nach einem guten Prädikat im Vorjahr nun in eine höhere Stufe gingen und hierin vollkommen außerstande waren, die ihnen gestellten Aufgabe zu meistern.

 
 Aufmerksame Flügelhörner

Es ist überhaupt ein sehr weit verbreiteter Fehler, dass die Dirigenten mit der Wahl ihrer Musikstücke die Kapelle überfordern. Das muss zwangsläufig zu ständigem unsauberem Musizieren führen und unter anderem auch den Musikern die Lust am Spiel nehmen. Wenn ein Musiker immer wieder feststellen muss, dass er trotz aller Anstrengungen den an ihn gestellten Anforderungen nicht gewachsen ist, macht ihm die Musik keine Freude mehr.
Sicher sollen sich Kapellen bemühen, immer weiter vorwärts zu kommen. Aber sie sollen dies im Rahmen ihrer Möglichkeiten tun. Krankhafter Ehrgeiz ist hierfehl am Platz. Außerdem bieten unsere heutigen originalen Blasmusikkompositionen uneingeschränkte Möglichkeiten, auch in der leichten Literatur schöne Stücke zu finden.

Wie oft habe ich schon erlebt, dass sich Kapellen mit einer Bearbeitung abquälen, die im Original in der Streichmusik leicht spielbar ist, in der Bearbeitung für Blasmusik aber hohe Anforderungen stellt. So sollte man die Bearbeitung der Mozartschen Musik, wie auch insbesondere Ouvertüren wie der "Kalif von Bagdad", um nur zwei markante Beispiele zu nennen, möglichst meiden. Solche Werke sollten der Streichmusik vorbehalten bleiben.

Wenn ich nun in eine etwas nähere Betrachtung der Wertungsspiele eingehe, so möchte ich grundsätzlich nur einmal ganz allgemein immer wiederkehrende Fehler herausstellen. Es handelt sich hierbei um Fehler, die gar nicht auf mangelndes Können zurückzuführen sind, sondern nur durch Oberflächlichkeit entstehen. Sie sind also ganz leicht mit etwa mehr Aufmerksamkeit auszuschalten. Da ist z.B. die Einhaltung der für punktierte Noten vorgeschriebenen Zeitmaße. Selbst bei guten Kapellen werden immer wieder die Fehler gemacht, dass ein punktiertes Achtel mit dem nachfolgenden Sechzehntel gespielt wird, als wenn es 2 Achtel wären. Ebenso werden die Fermaten meistens gar nicht beachtet. Ich habe erlebt, dass 4/4 Noten mit einer Fermate kaum zwei Schläge lang ausgehalten wurden. Wenn der Komponist über eine Pause eine Fermate schreibt, so will er damit erreichen, dass Zwischen beiden Sätzen wirklich ein langer Halt gemacht wird. Er will wohl damit sagen, dass das Motiv des vorhergehenden Satzes ganz verklingen soll, bevor der neue Satz beginnt.
Auch die kurzen anschwellenden und abnehmenden Zeichen, die sich oft nur auf einen Takt erstrecken, finden meistens keine Beachtung. Hiermit berühre ich aber schon die Dynamik, die ja grundsätzlich immer viel zu wünschen übrig lässt. Immer wieder wird ein ff weit mehr beachtet als ein pp. Dafür gibt es doch eigentlich keine Entschuldigung. Es sei denn, der Dirigent übersieht diese Zeichen. Auch eine technisch weniger gute Kapelle, selbst wenn sie nur in der Unterstufe spielt, muss bei gutem Willen eine saubere Dynamik hervorbringen. Und damit ist schon viel gewonnen.
 
 Saxophonregister

Es sei hierbei den Dirigenten, für die dies nicht schon eine Selbstverständlichkeit war, dringend empfohlen, jedes Musikstück, bevor sie es in der ersten Probe auflegen, in der Direktionsstimme gründlich durchzuarbeiten. Wenn notwendig, ist jede Kleinigkeit rot anzustreichen, um ein Übersehen zu vermeiden. Erst wenn der Dirigent die Komposition vollkommen beherrscht, sollte er mit den Proben beginnen.
Diese kleinen, fast unbedeutend anmutenden Fehler können in ein Vielfaches ausgedehnt werden, und gerade diese Kleinigkeiten sind es, die zu beachten so notwendig sind, um eine schöne Musik, zu machen.
Es müssen nicht immer schwere Musikstücke gewählt werden, auch die einfachste Komposition kann gut wirken, wenn sie sauber gespielt wird. Meistens ist dazu gar nicht ein so großes technisches Können erforderlich, vielmehr bedarf es nur einer präzisen Einstudierung.

Der größte Gewinn, den unsere Wertungsspiele , die ja erst seit vier Jahren durchgeführt werden, erzielt haben, ist der, dass sich die Stimmung in unseren Kapellen ganz wesentlich verbessert hat. Die immer wiederholten Hinweise hierauf bei den Kritiken haben gute Früchte getragen. Ein weiterer Gewinn ist, dass unsere Kapellen sich ganz ohne Zwang immer mehr der originalen Blasmusik widmen.

Die Wertungsspiele 1961 waren dafür ein glänzender Beweis. Überwiegend wurden als Selbstwahlstücke Werke der originalen Blasmusik gewählt, und es mag als Krönung unserer Erfolge in dieser Beziehung angesehen werden, dass bei dem Wertungsspiel in Schmelz ausschließlich originale Blasmusik geboten wurde. Ich habe aber keinen Musiker dort angetroffen, der nicht mit heller Begeisterung von diesem "herrlichen musikalische Nachmittag" gesprochen hätte. Dies bewies auch der brausende Beifall, der dem entsprechenden Hinweis in meinem Schlusswort gespendet wurde.

Sehr umstritten sind in jedem Jahr die den Vereinen aufgegebenen Pflichtstücke. Sehr oft bin ich hierbei schärfster Kritik ausgesetzt. Größtenteils werden auch die Pflichtstücke als für die Stufe zu schwer empfunden. Ich habe aber die Beobachtung gemacht, dass dort, wo das Pflichtstück schlecht und unvollkommen gespielt wurde, auch das Selbstwahlstück in gleichem Maße zu wünschen übrig ließ.
Für die Zukunft sei den Musikern und Kapellenleitern dringend empfohlen, die Kritiken der Wertungsrichter nicht von vornherein schon mit Ablehnung aufzunehmen. Sie sollen ja nicht dazu dienen, die Kapeilen zu verurteilen, sondern sie sind mit dem Willen geschrieben, den Dirigenten durch offene und rückhaltlose Hinweise, Vorschläge für die zukünftige Arbeit zu machen.
Man sollte auch Verständnis dafür haben, wenn den Wertungssrichtern einmal nach Empfinden der Musiker, ein kleines Fehlurteil unterläuft. Dies geschieht wohl keinesfalls in Absicht und sollte deshalb nicht gleich hart verurteilt werden. Ich muss hier in aller Deutlichkeit feststellen, dass die Wertungsrichter meistens völlig unvoreingenommen und mit dem festen Willen an die oft sehr undankbare Aufgabe gehen, gerecht zu urteilen. Ich kann aber auch ebenso feststellen, dass sie ihre Aufgabe bei unseren Wertungsspielen fast ausschließlich mit Erfolg zum Wohle unserer Volksmusik gemeistert haben. Zum Schluss möchte ich noch einigen Kritiken entgegentreten, die über das System unserer Wertung geäußert wurden. Ich möchte damit keinesfalls die gemachten Einwendungen verurteilen.
Im Gegenteil, ich begrüße sie sehr, denn sie zeigen, dass sich die einzelnen Dirigenten und Musiker auch darüber einmal Gedanken gemacht haben. Nur wird es nicht immer möglich sein , dass jeder einzelne einen genauen Einblick in die Gründe für das Bewertungssystem hat. So wurde z.B. der Einwand erhoben, dass man wohl besser mit einer Preisbewertung oder einer Rangbewertung hinkäme. Es wird wohl kaum eine Bewertungsord- nung zu finden sein, die allen Gedankengängen gerecht wird.

Es bestehen auch bei verschiedenen Bünden unterschiedliche Bewertungsgruppen. Als ich für unseren Bund die Wertungsspielordnung aufstellte, habe ich mich nach langer und reiflicher Überlegung dazu entschlossen, die Bewertung nicht nach Preisen oder Rängen, sondern nach Prädikaten festzulegen. Einmal vermeidet man damit mehr den Charakter der Wettspiele, und zum anderen entpricht es m.E. mehr dem Sinn unserer Musik. Es klingt doch entschieden schöner, wenn man sagen kann, die Kapelle hat sehr gut, ausgezeichnet oder hervorragend gespielt. Die Zuerkennung eines ersten, zweiten oder dritten Ranges muss zwangsläufig nach außen sichtbar jede Kapelle mit dem dritten Rang als schlecht herausstellen. Ebenso wurde einmal der Einwand erhoben, es würde genügen, wenn man die teilneh- menden Kapellen nur mit zwei Stufen, und zwar mit sehr gut und gut bewerten würde. Es sei hierbei ein klein wenig an die menschlichen Schwächen erinnert. Mit der Einstufung in zwei Wertgruppen wäre wohl kaum einem kleinen, gesunden Ehrgeiz Rechnung getragen.

Auch die verschiedentlichen Einwände, manche Kapelle habe ein zu hohes Prädikat erhalten, waren oft unüberlegt vorgebracht. Man bedenke, dass nach sechs Sparten bewertet wird und zwar: Harmonische Reinheit - Rhythmische Genauigkeit - Dynamik - Klangschönheit - Auffassung und künstleriche Gestaltung - Gesamteindruck. Für den Zuhörer, selbst wenn er Musiker war, konnte es doch wohl kaum möglich sein, sich in allen 6 Sparten ein genaues Urteil zu bilden. Eine Kapelle, die in 1 oder 2 Sparten schlecht war, hatte dann dennoch die Gelegenheit, durch bessere Leistungen in den anderen Sparten, das Urteil zu verbessern. Außerdem wurden die Punkte für Pflicht- und Selbstwahlstück zusammengezählt und dann durch 2 geteilt, so dass auch hier durch unterschiedliche Leistung das Prädikat noch beeinflusst werden konnte.

Nun noch etwas Grundsätzliches zur Teilnahme an den Wertungsspielen. Oft wurde mir von den Vereinsleitern der teilnehmenden Vereine vorgehalten, dass man mit drastischen Maßnahmen die bisher ferngebliebenen Vereine anhalten sollte, auch das Opfer der Wertungsspiele auf sich zu nehmen.

Meine lieben Musikfreunde! Ich glaube, so sollte man die Sache nicht ansehen. Bei der Teilnahme an einem Wertungsspiel von Opfer zu reden, ist doch wohl nicht ganz richtig. Sicher mag es für viele Kapellen hart sein, für die Fahrt zum Wertungsspiel in die Kasse greifen zu müssen. Aber sie sollten dies nicht als Opfer empfinden, sondern dies freudig tun in Anbetracht des damit verbundenen herrlichen Erlebnisses und des musikalischen Gewinns. Sie sollten sich den Kapellen gegenüber stolz und erhaben fühlen, die aus Kleinmut oder sonstigen nichtigen Gründen bisher den Wertungsspielen ferngeblieben sind.


Für die Zukunft hoffe und wünsche ich, dass die Vereine weiter so wie bisher an der Teilnahme bei den Wertungsspielen festhalten. Ich empfehle aber auch den Vereinen, die bisher ferngeblieben sind, doch einmal ernsthaft zu überlegen, ob es nicht ihrer Arbeit sehr förderlich sein könnte, wenn sie sich in regelmäßigen Abständen diesem fachlichen, gut gemeinten Urteil unterziehen würden.